Die Forstwaldkapelle (capella in foresta)

– ein geschichtlicher Schatz in der Semder Gemarkung –

von Karlheinz Müller 02/2025
Die sogenannte „Capella in foresta“ stand im Bereich des „Stoabuggels“ im Mittelforst am Ende der Salzlack­schneise. Man vermutet, dass dieses markante Bauwerk auf den Trümmern eines römischen Gutshofes (villae rusticae) errichtet worden war. Der Ausgrabungsbericht des AVA Dieburg bestätigt allerdings nur die villae rustica, nicht die Kapelle. Es wird aber darin die urkundliche Ersterwähnung der Forstwaldkapelle auf 1330 datiert.

Lageplan der Forstwaldkapelle Die alte Römerstraße, die von Dieburg nach Obernburg führte und an dieser Stelle parallel zur B 45 verläuft, ist hier im Wiesengrund noch sehr gut zu erkennen. Diese Römerstraße wurde später auch „Pilgerpfad“ genannt und als solcher genutzt. Bis von Walldürn kamen die Pilger auf dieser Straße auch zu der in der Nähe gelegenen „Capella in foresta“. Umgekehrt zogen die Pilger auch auf dieser Straße nach Walldürn. Auch der Abzweig zur „Capella“ ist gut zu erkennen.

Die "villae rusticae"
Das Gebiet um Groß-Umstadt wurde 83–85 n. Chr. von den Römern erobert. Das eroberte Land wurde planmäßig erschlossen. Stadtartiges Zentrum in unserem Raum war Dieburg. Bauerndörfer gab es zu dieser Zeit nicht. Charakteristisch waren Gutshöfe (villae rusticae), welche den römischen Soldaten nach langen Dienstjahren (ca. 25 Jahre) als Dank unweit der Grenzanlagen zur Verfügung gestellt wurden. Sie bewirtschafteten zwischen 60 und 100 ha und lagen im Abstand von 700–1000 m voneinander entfernt. Die Höfe waren untereinander durch Wege und Straßen verbunden. Der hier sehr nahe an der alten Römerstraße gelegene Gutshof diente wahrscheinlich auch als Station zum Um- bzw. Vorspannen der Versorgungswagen der Römer, da ab Groß-Umstadt ja eine erhebliche Steigung zu bewältigen war.

Aus dem Ausgrabungsbericht des AVA Dieburg
„Im Mittelforst, Gemarkung Semd, liegt am SW­Ende der Salzlackschneise der sogenannte ‚Steinbuckel‘. Er erhebt sich etwa 1 m über dem Waldboden, erstreckt sich in einer Länge von 25 m von NW nach SO und ist etwa 15 m breit. (4)

Die flache Erhebung wurde durch drei Suchschnitte und vier Flächen untersucht. Die Befunde in den Schnitten 1 und 2 sowie in den Flächen 1 3 waren Trachytfundamente, die nordsüdlich bzw. ostwestlich orientiert waren, Reste von zwei unterschiedlich hoch gelegenen Estrichböden und der kleine Rest eines Fliesenbodens. Im Suchschnitt 3 lagen zwei inkohlte Holzschwellen. Im 18 m langen Suchschnitt 1 wurden außerdem Fundamentausbrüche und ein Kellerversturz geschnitten.
Die Funde, die schon 0,2 m u.h.O. zutage kamen, sind Scherben unterschiedlicher römischer Gefäße des 2. Jahrhunderts n. Chr. Darunter auch Terra Sigillata, Leisten­ und Hypokaustziegel, Wand­ und Bodenfliesen, Glasgefäßscherben und viele Eisennägel. Hervorzuheben sind eine Haarnadel und ein Beschlag aus Bronze. (4)

In dem ergrabenen Bereich fanden sich keine Hinweise auf eine mittelalterliche Anlage. (4)

Ersterwähnung der Forstwaldkapelle
Die Datierung der Ersterwähnung der Forstwaldkapelle in das Jahr 1330 im Ausgrabungsbericht beruht auf einen im Staatsarchiv Darmstadt vorhandenen Ablassbrief.
Darin steht u.a.
„Capella St. Mariae heremitarum“ in „silua Trieyg Maguntinensis Dioecesis“
übersetzt:
der Kapelle der heiligen Maria der Einsiedler im Dreieichwald in der Diözese Mainz, je 40 Tage Ablass.

„Auch für die Dieburger besaß die Kapelle im Forst eine gewisse Anziehungskraft. Nach Ausweis der Stadtrechnungen führten sie im Jahr 1512, am Donnerstag nach Quasimodogeniti, dem ‚Weißen Sonntag‘, eine Prozession in den Mittelforst, ‚vor die ungnade des Sterbens‘. Sie pilgerten zur ‚Capella St. Mariae heremitarum in silua Trieyg Maguntinensis Dioecesis‘, der Kapelle der heiligen Maria der Einsiedler im Dreieichwald in der Diözese Mainz. (1)
Leider erscheint die Ortsbestimmung ‚in silua Trieyg‘ zunächst mehr als wage. Allerdings lässt sich sonst im Gebiet des alten Wildbanns Dreieich, zu dessen südlichem Zipfel nach dem Weistum von 1338 auch der Mittelforst gehörte, keine ‚passende‘ Marienkapelle nachweisen. Die 1232 geweihte Dieburger Kapelle neben der alten Pfarrkirche ist ebensowenig als ‚capella heremitarum‘ (Einsiedlerkapelle) deutbar, wie die Kirche in Offenthal. Außerdem gibt es noch heute einen Fußweg, der vom nahen Semd in den Mittelforst führt und den Namen ‚Einsiedelpfad‘ trägt.“ (1)


Karte des alten Wildbanns Dreieich
nach den Grenzbeschreibungen von 1338 in
„Wysunge des meygerichts
des wiltbannes in der Dryeiche“
Aus einer Beschreibung der Forstkapelle von 1589 geht hervor:
„Allein findet man obendig der Thuer solcher Kirchen die Jahreszeit eingehauen 1416“.

Diese abweichende Jahreszahl zum Jahr 1330 der Ersterwähnung könnte auch auf (Um-)Baumaßnahmen hindeuten, wie ein Gesuch von 1462 an die Stadt Frankfurt, in dem man sich um Zollfreiheit für Steine für die „Forstkapelle“ bemühte, vermuten lässt. (1)
1480 wird in einem Schriftstück erwähnt: „Ibidem conveniunt: Ombstadt Major, Sembde, Cledtstadt, Ammerbach, Rychen, Rybach, Ombstadt Minor et Zymmern, Cappelanus in Foresta“, d. h. die Bewohner dieser Orte kamen hier bei kirchlichen Feiern zusammen, bzw. wallfahrten dahin und unterhielten dort einen Kaplan. Der Kaplan hatte seine Wohnung in dem nahen Semd, zu dem ein Fußweg in südlicher Richtung, den man heute noch den „Einsiedelpfad“ nennt, führte. (2)
Nur eineinhalb Jahrhunderte scheint der Wallfahrtsort der „capella in foresta" im Blickpunkt des Zeitgeschehens gestanden zu haben. (2)

Die Forstmärkte
Die Stadt Umstadt feierte zweimal im Jahr einen „Forstmarkt an der Forstkapelle“, und zwar den Johannismarkt am Sonntag vor Johannis (24. Juni) und den Michaelismarkt am Sonntag vor Michaelis (24. September). (3)
Bereits 1524 erfolgte „wegen Abgötterei, Waldschäden und Unzucht“ das Verbot, den „Forstmarkt“ bei der Kapelle abzuhalten.(1) Die Forstmärkte fanden dann „im Feld vor der Stadt“ am Dieburger Tor statt. Anfang 1700 wurden diese Forstmärkte auf Wochentage verlegt, weil sie „an den Heyligen Sonntagen nicht ohne große ärgernuß und Ent­heyligung" gehalten worden waren. Einige Jahrzehnte später verlor sich dieser Brauch.(1)

Nach dem Verbot der Forstmärkte bei der Kapelle und der Einführung der Reformation 1547 im Umstädter Land lag die Forstkapelle unbenutzt da und verfiel. Sie sei, wie 1589 der hessische Keller Gewendt berichtet,

„viel Jahr und seinthero das Bapstumb dieser Endt verfallen, niemandts sonderlich genützt habe, sondern je lenger je mehr verwüstet worden“.

Lediglich der Forstknecht nutzte das Bauwerk „zue Bescheuerung Heu und Stroes“. (2)

Aus dem Kirchenbaumaterial wird das Umstädter Rathaus
Bei einer Zusammenkunft der kurpfälzischen und hessischen Umstädter Amtsmänner im Jahre 1588 rügten diese, dass das Umstädter Rathaus doch ein „alt, boeß und unbequemlicher Baw“ und zudem noch „gar zu enge gespannt“ sei. Es wäre erforderlich, etwas „ansehnlicheres an die Steth“ zu machen. Daraufhin wurde mit einer Entscheidung vom 16. Juni 1589 genehmigt, dass das Kirchenbaumaterial der Forstkapelle ... „Zue uffbawung eines beßeren Rathauß dieß Orts (Umstadts) bestimmt und etlich Geldt und Fruchtgefäll, die zue Besoldung eines Meßpriesters gestiftet gewesen, zue Erhaltung der Kirchengebawe von Umbstadt und Klein-Umbstadt angewendet werden sollten“.

So wanderten die Steine und Holzbalken der Forstkapelle in einen der prächtigsten Renais­sancebauten unserer Heimat, wo sie vor allem zur Errichtung der Außenmauern Verwendung fanden.(2) So ist auch ein Stück Kirchen­fenstersturz mit Spitzbogen und Maßwerk der Forstkapelle auf der Ostseite des Umstädter Rathauses eingemauert. Ferner soll das frühere Schulglöckchen der Richer Schule von der Kapelle stammen.

Im Frühjahr 2014 fiel am „Stoabuggel“ eine mächtige Buche durch Windbruch. In ihrem Wurzelwerk hängen Mauerreste. Sind dies Reste der alten Wallfahrtskirche?
Volkssage zur Entstehung der Forstkapelle
Hiernach wurde an dieser Stelle ein Rittersmann von Räubern überfallen. Als er zur Jungfrau Maria um Beistand flehte, erschien plötzlich ein junges Mädchen, das auf dem Weg von Altheim nach Semd war und die Hilfeschreie hörte. Die Räuber erschraken über das „himmliche Wesen“ und flüchteten. Als Dank des Ritters für die Rettung, ließ dieser die Kirche errichten.

Quellennachweis
(1) Murmann, Peter, Unser lieben Frauwen im Forste – eine spätmittelalterliche Wallfahrt im Dieburger Land, 1985
(2) Füßler, Georg, Ein Umstädter erzählt, Die Capella in foresta, 1995
(3) Köbler Wilfried, in „Stadtluft macht frei“ – Markt- und Stadtrechte in Umstadt
(4) Archäologische und volkskundliche Arbeitsgemeinschaft des Museums in Dieburg e. V. (AVA), Zeugen der Vergangenheit – Vorgeschichte, Römerzeit, Mittelalter im Dieburger Land - dargestellt anhand von Bodenfunden der Jahre 1970-1980

Karlheinz Müller